Sonderheft 4, Oktober 2005
Archive sind keine ruhigen Orte mehr
Ein Gespräch mit Rick Prelinger

Der amerikanische Filmsammler Rick Prelinger ist einer der prominentesten Fürsprecher eines freien Zugangs zu filmhistorischen Materialien. Bemerkenswert ist, wie er dabei verfährt: Ende der 1990er-Jahre begann er, Teile seiner etwa 48. 000 Filme umfassenden Sammlung (Rohmaterial und Fragmente nicht eingerechnet) ephemerer, also überwiegend nicht fürs Kino, sondern zu Werbe-, Schulungs- oder Forschungszwecken produzierter Filme im Internet lizenzfrei und in zitierbarer Qualität zu veröffentlichen. Die Prelinger Archives bilden das Rückgrat der Laufbildsammlung der Plattform Internet Archive (www.archive.org) die sich unter der Leitung ihres Gründers Brewster Kahle als frei zugängliche digitale Bibliothek kultureller Artefakte versteht. Im August 2002 wurde der Verkauf der Filmoriginalmaterialien der Prelinger- Sammlung an die Library of Congress verlautbart. Neben Internet Archive - derzeit stehen etwa 2000 Filme aus Prelingers Sammlung zum Download bereit, darunter anonymes Material genauso wie Filme von Maya Deren/Alexander Hammid, Josef von Sternberg oder Richard Leacock - engagiert sich Prelinger (dessen Vater als österreichischer Emigrant in die USA kam) in Vorträgen, Filmen (Panorama Ephemera), Publikationen und gemeinnützigen Projekten für die Idee dessen, was im US-Copyright public domain heißt - also die freie Nutzbarkeit von Werken, die keinem Urheberrecht unterliegen und als kulturelles Allgemeingut gelten dürfen. 2004 brachte Prelinger, gemeinsam mit Brewster Kahle, eine Klage wegen Verletzung der Redefreiheit gegen einige Novellen der US-amerikanischen Copyrightgesetzgebung ein ("Kahle vs. Ashcroft"); sein bislang letztes Projekt, die "Prelinger Library", ist eine Präsenzbibliothek in San Francisco, die ihren Besuchern rund 40.000 Bücher und Dokumente zu Themengebieten wie Landschaft, Zeitgeschichte, Medien sowie zur Geschichte der US-Arbeiterbewegung bereitstellt. Das Gespräch mit Rick Prelinger fand im Juli 2005 via Skype statt.


kolikfilm: Wann, besser warum haben Sie begonnen, so genannte "ephemere Filme", also gemeinhin als wertlos erachtete "Gebrauchsfilme", zu sammeln?

Rick Prelinger: Ich war früher Schriftsetzer, und obwohl ich mich immer sehr für Archivfilme interessierte, hatte ich keine Gelegenheit, damit zu arbeiten. Dann machte ein alter Freund einen international sehr erfolgreichen Dokumentarfilm: Atomic Café (1). Er bekam Geld für einen weiteren Film, einen Film aus Archivmaterial über Sexualität und Liebe in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, und ich wurde als Rechercheleiter eingestellt. Im Lauf dieses Rechercheprozesses begann ich mich sehr für die Welt des "ephemeren Films" zu interessieren, über die damals, 1982, kaum jemand etwas wusste. Solche Filme wurden nicht gezielt archiviert, und man hatte kaum Zugang dazu. Wir versuchten bei diesem Film, konzeptuelle Realitäten zu illustrieren und nicht so sehr spezifische Ereignisse. Und "ephemere Filme" waren der beste Weg, den Zeitgeist dieser Ära wieder auferstehen zu lassen und über den Prozess der Verführung und der Konstruktion von Subjekten in der Gesellschaft zu sprechen. Es sind normative Filme, es ging darum, Menschen bestimmte Verhaltens- und Funktionsweisen anzutrainieren - egal ob in Hinblick auf Geschlechterrollen, als Konsumenten oder was auch immer. Das hat mich fasziniert, und ich habe mich bemüht, so viel Material wie möglich aus den gesamten USA zu sammeln. Als es bei dem Film nach neun Monaten eine, wie soll ich sagen, "Arbeitspause" gab, begann ich als selbständiger Rechercheur zu arbeiten und fing einfach aus Interesse zu sammeln an. Etwa ein Jahr später kontaktierte mich jemand und sagte: "Wir wollen einige ihrer Filme im Fernsehen verwenden." Ich sagte: "Okay." Da in den USA weit mehr Filme als in Europa oder anderswo public domain sind, konnte ich immerhin Nutzungsgebühren für das Material verlangen. Aber für mich war das immer nur ein Mittel zum Zweck - wie kann ich noch mehr Material sammeln, woher kann ich das Geld dafür bekommen? Und so gründeten wir 1985 unsere Firma.

kolikfilm: Wann hat Ihrer Ansicht nach das zeitgenössische Interesse einer breiten Öffentlichkeit für Archivfilme, diese Faszination für historische Artefakte, ihren Aufschwung genommen?

Rick Prelinger: Dieses Interesse ist faktisch eine Folge des Zugangs zu den Filmen. Bis Mitte der 80er-Jahre gab es diesen ja praktisch nicht. In unserem besonderen Fall ist Folgendes passiert: Eigentlich waren wir eine Privatsammlung, die wie ein Archiv zu funktionieren begann. Aber wie Sie wissen, haben ganz normale Menschen kaum Zutritt zu Filmarchiven. Es ist sehr schwierig, einfach zu sagen: "Ich möchte etwas Bestimmtes sehen." Ich hatte Bob Stein kennen gelernt, einen der Gründer von Voyager (2). Ich bin in die ganze Sache ja eher wie ein Schlafwandler hineingestolpert, ich hatte keinen wirklichen Grund, diese Filme zu sammeln, ich tat es einfach. Bob war eine sehr wichtige Person in meinem Leben, er war einer der Menschen, die mir klar machten, dass ich viel mehr tat, als nur Filmdosen anzuhäufen. Er erfand das Schlagwort "Medienarchäologie", das heute auch Craig Baldwin verwendet, und wir produzierten gemeinsam unsere ersten Laserdiscs. Er machte mir klar, dass ich in meiner Kompilationsarbeit gewissermassen als Historiker ohne Universitätsabschluss agierte. Die ersten Erfahrungen damit, dieses Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hatte ich mit Laserdiscs und VHS-Kassetten - es war schließlich erst 1986/87 -, dann auch durch öffentliche Vorführungen in Universitäten, Kinematheken und Museen. Wir erregten viel Aufmerksamkeit, denn viele Leute nahmen unser Material entweder als campy oder retro auf. Gleichzeitig bemühte ich mich aber sehr darum, klar zu machen, dass es nicht um Nostalgie ging. Sogar der harmloseste Film wirft im Kontext seiner Entstehungszeit alle möglichen schwierigen Fragen auf - wir können das Alltagsleben, wie es sich uns durch diese Filme darstellt, nicht einfach als selbstverständlich betrachten und uns nicht länger in bequeme Vorstellungen einer "besseren", "einfacheren" Zeit flüchten. Diese Filme zeigen, dass Geschichte immer sehr komplex war und dass Sichtweisen ebenso dynamisch sind wie die Geschichte selbst.

kolikfilm: Aber neben dieser Vortragstätigkeit bzw. denVoyager-Projekten haben Sie dann doch fürs Fernsehen gearbeitet - wie kam es dazu?

Rick Prelinger: HBO hat mir eine Menge Geld dafür geboten, den Sender dabei zu unterstützen, billigere Sendezeit zu bekommen. Sie haben mir auch Material abgekauft, und ich brauchte Geld. Die meiste Zeit arbeitete ich nebenher und unterstützte das Archiv, denn es hat zwar Geld eingebracht, aber ich brauchte unbedingt zusätzliche Einkünfte, also nahm ich oft Auftragsarbeiten an.

kolikfilm: Und warum haben Sie damit aufgehört?

Rick Prelinger: Wenn man ganz normalen Menschen Primärquellen aus Archiven vorsetzt und sagt: "Das wirft ein anderes Licht auf die Geschichte, denken Sie darüber nach", dann erleben sie audiovisuelle Geschichte unvermittelter.Wenn dagegen Archivmaterial im Fernsehen gezeigt wird, sehen wir normalerweise nur kurze Clips, die durch den Erzähler kontextualisiert werden. Und häufig wird die Erzählung, in die das Archivmaterial eingebettet ist, zuerst geschrieben, und erst danach werden die Bilder dazu gesucht. Es gibt keine organische Bewegung, die von dem dokumentarischen Material ausgeht, sondern dem Material wird künstlich ein Kontext übergestülpt, der mehr oder weniger Sinn macht. Obwohl ich mich immer mehr auf den direkten Zugang zum Material konzentriert und im Lauf der 80er- und 90er-Jahre Hunderte Screenings gemacht habe, hat sich alles verändert, als ich 1999 nach Kalifornien zog und Brewster Kahle kennen lernte. Die Idee, Filme ins Internet Archive zu stellen, war dann einfach der logische nächste Schritt.

kolikfilm: Wann war das? Und was hat Sie von dem Konzept eines Onlinearchivs überzeugt?

Rick Prelinger: Ich kam nach Kalifornien und traf plötzlich auf eine technisch viel versiertere Gemeinde - ich selbst hatte damals gerade ein Modem -, auf Menschen, die Einschränkungen einfach nicht akzeptierten. Brewster fand es anachronistisch, dass wir keine Filme ins Netz gestellt hatten. Er meinte, es sei egal, dass viele Leute noch kein Breitband hätten, das würde sie nur darin bestärken, es sich endlich zuzulegen. Was macht das schon, dass es schwierig ist,Videomaterial im Netz zu übertragen und zu verbreiten. Letís break the net, so we can fix it! Ich habe immer gesammelt, sehe mich aber nicht wirklich als Sammler, denn alle Projekte, in die ich involviert war, hatten Öffentlichkeit zum Ziel:Wie kann man diese Materialien zugänglich machen? Das Internet Archive hat in Hinblick auf Zugriffsmöglichkeiten völlig neue Maßstäbe gesetzt. Als ich 1997/98 in New York war, dachte ich: "Wir verkaufen Filmmaterial, um zu überleben, aber wie können wir Leuten den Zugriff ermöglichen, die die Lizenzgebühren nicht bezahlen können?" Studenten,Wissenschaftler, Leute, die selbständig oder gemeinnützig arbeiten, Künstler? Wir hatten beispielsweise bereits mit der New York University kooperiert, aber es ist schwierig, denn die Bearbeitungskosten für eine solche Anfrage sind ebenso hoch, vielleicht sogar höher als die für eine bezahlte Anfrage. Kommerzielle Produzenten wissen normalerweise genauer, was sie suchen, sie forschen nicht, wie Künstler es tun. Als ich mit Brewster in Verbindung trat, fragte er: "Warum stellst du dein Material dann nicht frei verfügbar ins Netz?"

kolikfilm: Was ja nicht gerade nach einem klugen Geschäftsmodell klingt!

Rick Prelinger: Einerseits fühlte ich mich bedroht und war bestürzt.Wie soll ich denn Geld verdienen? Andererseits fand ich das sehr, sehr aufregend. Und darum beschlossen wir, es zu tun.Tatsächlich sind unsere Einkünfte aus Lizenzgebühren seither gestiegen, weil wir jetzt bekannter sind. Man kann also ein zweigleisiges System haben, in dem man einerseits Material verschenkt und es andererseits durch zusätzliche Dienstleistungen mit Wertsteigerung verkauft. Ich bin immer mehr zu dem Schluss gekommen, dass Archivare heute vor einer ethischen Frage stehen.Wenn man nicht durch das Copyright eingeschränkt ist - und in vielen Fällen sind Archive das bei bestimmten Materialien -, gibt es keine Entschuldigung dafür, nicht ein Surrogat des Films im Internet zu veröffentlichen. Wir haben dieses großartige Distributionssystem, also sollten wir es auch nutzen.Wenn wir das nicht tun, riskieren wir, völlig bedeutungslos zu sein, denn wenn etwas heute nicht im Netz steht, könnte es ebenso gut nicht existieren.Wenn Archive in der Kultur des 21. Jahrhunderts nicht nur eine Nebenrolle spielen wollen, dann müssen wir uns wirklich intensiv darum bemühen, unsere Materialien in Umlauf zu bringen. Das ist jetzt unsere Rolle: aktiv zu werden und nicht einfach nur zu warten und gegebenenfalls zu reagieren.

kolikfilm: Wie hat die etablierte Archivgemeinde auf Ihre Initiative reagiert? Mir ist in Gesprächen über das Internet Archive öfter eine skeptische bis abwehrende Haltung begegnet.

Rick Prelinger: Da gibt es einige sehr problematische Fragen. Eine davon ist die Situation in Europa, denn in Europa arbeiten Archivare unter weit schwierigeren rechtlichen Bedingungen. Ihr habt Copyrights, die oft nichts mit den Personen zu tun haben, die die Materialien zur Verfügung stellen, in vielen Ländern gibt es ein "droit moral" zugunsten der Autoren. Aufgrund einiger Besonderheiten des amerikanischen Copyrightgesetzes ist bei uns weitaus mehr Material public domain. Aber darüber hinaus stellen sich für das Archivwesen auch fundamentalere Fragen. Es wäre unfair, über Europa zu sprechen, also beziehe ich mich hier auf die US-amerikanische Situation. In den USA gibt es in der Bibliothekswelt eine starke Tradition der allgemeinen Zugänglichkeit zu Wissen. Bibliotheken und Bibliothekare waren wichtige Vorreiter in Sachen Zugangsmöglichkeiten, Redefreiheit, Auskunftsfreiheit und so weiter. Archivare dagegen sind meist Staatsbeamte oder haben innerhalb ihrer jeweiligen Institution eine Aufgabe im Dienstleistungsbereich - bei ihrer Arbeit geht es nicht darum, Bestände öffentlich zugänglich zu machen, sondern diese zu bewahren und zu verwalten. Ich glaube, dass Archivare sehr viel von Bibliothekaren lernen können. Selten aber kontrollieren Archivare die Budgets oder besetzen in ihren Institutionen eine Machtposition. Möglicherweise sind sie sogar Leuten unterstellt, die nicht an der Verbreitung von Material interessiert oder aktiv dagegen sind, weil sie sich wegen des Internets Sorgen machen oder befürchten, dass ihre Arbeitsplätze verschwinden, wenn ihr Material in automatisierter Weise zur Verfügung steht.

kolikfilm: Ist diese Angst, überflüssig zu werden, für Sie nachvollziehbar? Momentan sieht ja alles nach einem durch technologische Entwicklungen wie Kopierschutz, Digital Rights Management etc. regulierten Zugang zu digitalen Kopien aus. Das Problem scheint ja die Vorstellung zu sein, dass mit dem Besitz einer digitalen "Vollversion" der Kinobesuch oder die Archivnutzung obsolet würde.

Rick Prelinger: Man könnte viele Dinge anführen, die beweisen, dass das nicht stimmt.Am Anfang haben meiner Erfahrung nach nur wenige Leute reagiert, weil sie den Gedanken einfach nur seltsam fanden. Ich glaube, mittlerweile ist die Akzeptanz für Filme im Internet gestiegen, aber ich fühle mich immer noch allein auf weiter Flur. Auch heute kann man den Großteils des Materials, das im Netz steht, nur streamen - die Leute wollen den Wechsel zum Download ganzer Filme einfach nicht vollziehen. Und doch glaube ich, dass es wichtig ist, expansiv zu denken, wenn wir über den Zugriff auf Archivmaterial sprechen:Was die Idee des Zugriffs angeht, müssen wir so oft wie möglich an Wiederverwertung denken, was nicht nur das Ansehen des Materials, sondern auch das Zitieren oder die Möglichkeit einer kritischen Wiederverwendung voraussetzt. Denn der Remix ist ein integraler Bestandteil jeglicher Kunstproduktion, jeglicher Analyse, jeglicher Recherche, jeglicher wissenschaftlichen Arbeit.Wir müssen die Freiheit haben, das zu tun, wann immer es rechtlich möglich ist. Und in manchen Fällen, in denen es das Copyright nicht erlaubt, gibt es ja das Fair-Use-Prinzip (3).

kolikfilm: Ein anderer, vielleicht überzeugenderer Einwand sind die Kosten. Digitalisierung ist einerseits ein gängiges Zauberwort, andererseits stöhnen Institutionen über die enormen Ressourcen, die ein derartiges Unterfangen verschlingt - ganz abgesehen von der unklaren Rechtslage.

Rick Prelinger: Ehrlich gesagt habe ich hier eine sehr privilegierte Position, da viel von unserem Material public domain ist und wir in anderen Fällen selbst Rechtsinhaber sind. Das gab uns viele Freiheiten.Außerdem hat das Internet Archive uns bei den Kosten finanziell unterstützt. Es ist nicht teuer, ein Videoband zu digitalisieren, es kostet nur 15 bis 20 Dollar pro Stunde. Film aufVideo zu überspielen ist weit teurer.Trotzdem könnte jedes Filmarchiv für ein paar tausend Dollar ein paar Stunden Material herausgeben. Auch wenn das nur eine symbolische Geste wäre, würde es verändern, wie die Leute über Filmarchive denken. Ich weiß, dass in den USA die jüngere Generation die Archive als Hindernis für den freien Zugang empfindet. Junge Leute nehmen Archive als Institutionen wahr, die versuchen, einem den Zugriff auf Filme zu verwehren, anstatt sie als Vermittler zu sehen. Daran müssen wir wirklich arbeiten.

kolikfilm: Aber geht nicht in der heutigen Medienlandschaft der Trend in eine Richtung, der Sie darin als politischen Radikalen erscheinen lässt? "Wieder-aneignung" wird ja, gerade im gegenwärtigen Antipirateriediskurs, bald mal mit Diebstahl und Terrorismus gleichgesetzt.

Rick Prelinger: Ich halte das für eine traditionelle und ganz und gar keine radikale Idee.Tatsächlich ist die ganze Vorstellung, alle Produkte des menschlichen Geistes als Eigentum zu betrachten, eine relativ neue und radikale Idee. Wir alle wissen, dass das gegenwärtige System des geistigen Eigentums erledigt ist. Nicht einmal den Bedürfnissen der Copyrightinhaber ist damit wirklich gedient. Es ist sowohl ein Hindernis für das Geschäft als auch ein Hindernis für Kreativität und Produktion. Und wenn sich dann - und einiges deutet in diese Richtung - herausstellt, dass wir zwar nicht Mickey Mouse, aber Tausende Industrie- und Lehrfilme zumindest für eine bestimmte Zeit freibekommen können, dann werden die Leute eben diese Filme zu sehen bekommen.Wenn das Zentrum leer bleibt, sollten wir dafür sorgen, die Randzonen zu bevölkern.

kolikfilm: "Randzonen" schließt ja offenbar auch die Idee künstlerischer Wiederaneignung ein - man kann das Internet Archive durchaus auch als großes Found- Footage-Labor begreifen. Es stellt ja auch die "Creative Commons"-Idee eines freien künstlerischen Umgangs mit Materialien explizit in den Vordergrund.

Rick Prelinger: Und viele Leute verwenden das Material derart, dass sie daraus eigene Filme machen und diese wieder ins Netz stellen. Das ist sehr wichtig. Manche glauben, dass Collage und die Aneignung fremden Materials von Natur aus eine radikale Praxis ist. Ich bin nicht dieser Ansicht. Die Idee, die dahinter steht und historisch bis zum "Verfremdungseffekt" Brechts zurückreicht, ist die, es den Menschen zu ermöglichen, das Gewohnte, das, was normalerweise unhinterfragt akzeptiert wird, fremd erscheinen zu lassen. Und das ist ein Weg, eine weit bewusstere Öffentlichkeit zu schaffen.

kolikfilm: Zurück zu Fragen des Copyrights. Sie sind ja, wie man Ihrer Website entnehmen kann, auch in das Gerichtsverfahren "Kahle vs. Ashcroft" involviert. Was waren Ihre und Brewster Kahles Beweggründe, vor Gericht zu gehen? Wollten Sie damit einen Präzedenzfall in Sachen Copyright und Archivfilm schaffen?

Rick Prelinger: Die genaue rechtliche Argumentation ist kompliziert, aber es geht darum, dass das Copyright in den USA traditionell ein "Opt-in"-System war. Anders gesagt: Der Autor hat sein Werk eigens registriert, das Copyright blieb für 28 Jahre aufrecht, und im 28. Jahr konnte man entscheiden, ob das Copyright erneuert werden sollte. Wenn ja, brachte man einen Antrag auf Verlängerung ein, und das Copyright galt für weitere 47 Jahre, also für insgesamt 75 Jahre - ich verallgemeinere. Der Punkt ist, dass man eine bewusste Entscheidung treffen musste, um das Copyright zu erneuern. 1992 wurde ein Gesetz verabschiedet, um das zu ändern. Man muss jetzt keinen Antrag auf Erhalt oder Verlängerung mehr stellen, sondern das Copyright gilt automatisch für die volle Zeit.Vor diesem Gesetz wurden nur 10% bis 20% der Copyrights erneuert, also gingen viele Werke in die public domain über - entweder weil sie keinen kommerziellen Wert hatten, weil die Leute, die sie gemacht hatten, nicht mehr am Leben waren, oder weil sie für irrelevant gehalten wurden. Aber diese Materialien hatten natürlich einen historischen Wert. Wenn sie also in die public domain übergingen, gehörten sie zu der Gruppe von Werken, die jede/r benutzen kann. Und jetzt wächst dieser Bereich nicht mehr. Unser Fall zeigt, dass - und das ist eine formale Spitzfindigkeit, über die man im Netz nachlesen kann (4) - diese Veränderung der Grundzüge der Copyrightgesetze groß genug war, um eine Frage hinsichtlich des 1. Zusatzartikels der Verfassung, also der Redefreiheit, aufzuwerfen.Wir haben in der niedrigeren Instanz im Bezirksgericht verloren und fochten diese Entscheidung an. Noch wissen wir nicht, was daraus wird. In diesen Fällen geht es ebenso sehr um die Aufklärung der Öffentlichkeit wie um Gewinnen. Ich hoffe, dass dieser Fall vielen Menschen bewusst macht, wie wichtig es ist, Gesetze zu haben, die sich für die Allgemeinheit aussprechen.

Mich beschäftigt immer wieder die Janusköpfigkeit der zeitgenössischen digitalen Kultur. Auf der einen Seite gibt es die Vorstellung, dass mittels digitaler Technologien alles Wissen, alle Bilder auf Knopfdruck verfügbar sind; auf der anderen Seite tobt ein immer härterer Kampf um den "Content", sind Materialien und die Rechte an ihnen kostbares Gut, ist der sichtbare Teil des "globalen Gedächtnisses" einer immer stärkeren Selektion unterworfen - siehe Google oder den zeitgenössischen DVD-Markt für historische Filme.

Bei der Geschichte dreht es sich zum großen Teil um Verlangen:Wir arbeiten mit allem, was wir in die Finger bekommen, wir interpretieren, wir revidieren, und dann wollen wir das, was nicht da ist. Es ist sehr schwierig, wenn eine Bibliothek zerstört wird (wie in Alexandria oder in Sarajevo) oder wenn große Teile einer Kultur durch rechtliche Hindernisse oder wirtschaftliche Interessen gewissermaßen unsichtbar werden. Aber andererseits entsteht dadurch ein sehr großes Verlangen, diese Türen zu öffnen. Man braucht sich nur anzusehen, was derzeit mit der Geheimhaltungspolitik der Regierungen in der westlichen Welt passiert. Die Tatsache, dass Akten und Informationen geheim sind, lässt das Verlangen, dieses Material öffentlich zu machen,wachsen, und schließlich wird es freigegeben. Ich will nicht selbstgefällig sein, aber ich glaube, es gibt viele Kräfte, die sich gegen die Gesetzgebung hinsichtlich geistigen Eigentums und die Zerstörung der Archive richten. Ich denke hier langfristig. Ich mache mir keine großen Sorgen, dass nicht alles verfügbar ist. Und ich denke auch, dass die Gesellschaft die Ressourcen bekommt, die sie verdient.Wenn wir eine Gesellschaft schaffen, in der viele Menschen interessiert sind und immer wieder zurückblicken und schwierige Fragen an die Geschichte stellen, dann wird es einen Druck geben, diese Ressourcen, Materialien, Filme sehen und benutzen zu können.Tatsächlich treffen in den Archiven Fragen von Politik, Ethik und Macht aufeinander. Archive sind keine ruhigen Orte mehr.


Interview: Michael Loebenstein
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Barbara Pichler und Michael Loebenstein

(1) Atomic Café, Jayne Loader/Kevin Rafferty/Peirce Rafferty, USA 1982.

(2) Die Voyager Company war ein Pionier in Sachen multimedialer Produktion auf CD-ROM, später auch auf dem mittlerweilen vergessenen Laserdiscformat. Titel wie Call It Home: The House That Private Enterprise Built (über die Geschichte der amerikanischen Suburbkultur) waren bahnbrechend in ihrem nonlinearen Einsatz von Archivmaterial. Ein Spin-off der Voyager Company war 1984 die Criterion Collection, die mit ihren cinephilen DVD-Titeln nach wie vor am Markt präsent ist.

(3) Eine zumindest für den angloamerikanischen Raum gültige Definition (laut www.wikipedia.org): Als Fair Use (faire Nutzung) bezeichnet man eine Rechtsdoktrin des angloamerikanischen Systems, die bestimmte nicht autorisierte Nutzungen von geschütztem Material zugesteht, sofern sie der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktionen dienen.

(4) Beispielsweise unter http://cyberlaw.stanford.edu/about/cases/kahle_v_ashcroft.shtml

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