Sonderheft 6, Oktober 2006
Die sechste Ausgabe unserer Zeitschrift (ja, uns gibt es bereits mehr als drei Jahre!) wirft erneut einen Blick über die Grenzen der österreichischen Filmkultur hinaus, um über Umwege zum heimischen Filmschaffen zurück zu kommen.

Zunächst befasst sich kolik.film # 6 mit dem deutschen (Autoren-)Kino, das sich zu Jahresbeginn bei der Berlinale in spannender Vielfalt präsentierte. Wir lassen uns profund erklären, was es mit dem – auch schon in unserer vorherigen Ausgabe thematisierten – Begriff der „Berliner Schule“ auf sich hat. Weiters findet sich ein Text zu Valeska Grisebachs zweitem Kinofilm Sehnsucht: nicht nur, weil dieser gerne dem erweiterten Umfeld der Berliner Filmbewegung zugeordnet wird, sondern vor allem, weil Grisebach mit diesem „großen Liebesfilm“ ihre eigenwillige Arbeitsweise konsequent fortsetzt. Neben dieser gibt es im deutschen Kino gegenwärtig andere, pragmatischere Positionen, die mehr die tradierten Möglichkeiten des Erzählkinos ausloten – keiner „Schule“ zuzurechnende, profilierte Regisseure wie Stefan Krohmer (Sie haben Knut), dessen jüngsten Film Sommer 04 an der Schlei wir besprechen. Außerdem widmen wir uns dem Werk des Filmemachers Rudolf Thome, der seit den 70er Jahren seine ganz eigenen Berlin-Filme dreht und gewissermaßen „eine Schule für sich“ bildet.

Einer anderen Berlinerin widmet sich diesmal unsere „Filmvermittlung“: Mit Lotte H. Eisner steht eine „Pionierin“ der Filmgeschichtsschreibung (die Filmgeschichte immer auch als Beschreibung der gesellschaftlichen Gegenwart begriff) im Zentrum des entsprechenden Dossiers. Der Filmhistoriker und Filmpublizist Ralph Eue würdigt die „Eisnerin“ – ihr liebevoller Beiname, mit dem sie von Bertolt Brecht bedacht wurde – nicht nur in seinem einleitenden Essay, sondern hat auch den sich über viele Jahre erstreckenden, legendären Briefwechsel zwischen Eisner und Fritz Lang durchgesehen, der hier auszugsweise in Nachdrucken einzusehen ist. Doch das wäre noch immer zuwenig ohne die Schriften Eisners: Der Bogen dieser Nachlese der besonderen Art spannt sich von den 30er Jahren, als die Filmpublizistin und Archivarin im Pariser Exil für die deutschsprachige Prager Zeitung Filmkritik Rezensionen und Kommentare verfasste, über ihren Nachruf auf G.W. Pabst bis hin zu einem Gespräch aus dem Jahr 1982 über den iranisch-deutschen Filmemacher Sohrab Shahid Saless.

Diese Nummer der kolik.film sucht außerdem Weltregionen wieder auf, die in vergangenen Ausgaben bereits unter dem Gesichtspunkt ihres Filmschaffens untersucht wurden – den Nahen Osten und die USA fünf Jahre nach 9/11. Lag damals der Schwerpunkt auf einer ganzen Reihe von dokumentarischen Arbeiten, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt beschäftigten, so widmet sich diesmal ein Aufsatz dem Spielfilmschaffen der Region, insbesondere jenem aus dem Libanon und Palästinas. In beiden Ländern liegen vergleichbare politisch-historische Bedingungen vor, die Filmemacherinnen und Filmemacher wie Hany Abu-Assad, Elia Suleiman oder Danielle Arbid immer wieder auf Themen wie Kriegsaufarbeitung, Leben im Ausnahmezustand oder die damit einhergehende Bewältigung von Traumata zurückkommen lässt.
Als eine Art Zwischenstopp vom Nahen Osten in die USA dient ein Text zu Romuald Karmakars Hamburger Lektionen, in dem die ins Deutsche übertragenen Reden des Imams Mohammed Fazazi vom Schauspieler Manfred Zapatka vorgelesen werden, was eine aufschlussreiche Binnenansicht fundamentalistischen Denkens eröffnet. Die jüngeren US-Produktionen zu 9/11, Paul Greengrass’ United 93 und Oliver Stones World Trade Center sind wiederum Anlass für eine umfassende Analyse des vielfältigen Verfahrens, mit denen sich das US-Kino und im Speziellen der Blockbuster am Trauma der Anschläge und seiner Folgen abarbeitet – inklusive der „retroaktiven Dynamik“ dieses Ereignisses, die auch einen Rückblick auf Produktionen erlaubt, die den Anschlägen noch vorausgingen.

Divers präsentiert sich auch in dieser Ausgabe das gegenwärtige österreichische Filmschaffen – von den individualistischen Doku-Entwürfen bis zum überraschend gefälligen Genrevehikel eines Horrordebüts gibt es viel zu lesen. Gelesen wurden natürlich auch wieder Bücher (über Filmpublizistik, Jacques Doillon oder den zeitgenössischen Dokumentarfilm), die sich im mittlerweile traditionell zweispaltigen „Vermischten” neben einigen aktuellen DVDs besprochen finden.

Die Redaktion - Wien, September 2006

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