Sonderheft 12, Oktober 2009
Die Ehrerbietung trennt nur eine Silbe von der Respektlosigkeit: Reverenz/Irreverenz. In der vorliegenden Ausgabe findet sich beides, und so gut wie immer gilt unsere Zuneigung jenem Kino, das sich am Wenigsten um Pietät oder Normen schert. Das ist zum einen das Kino der „Rive gauche”, des linken Seine-Ufers, dem wir anlässlich unseres Chris Marker-Dossiers (in kolik.film 7/2007) schon einmal Tribut gezollt haben. Diesmal verbeugen wir uns vor Jacques Demy und vor zwei weiteren Alten des linken, französischen Kinos, Alain Resnais und Agnès Varda, deren neue Filme uns glücklich und das Kino reicher machen. Ihrer Vitalität steht der plötzliche Tod eines anderen Radikalen, dem von uns geschätzten und uns freundschaftlich verbundenen Gerhard Benedikt Friedl gegenüber: seinem kurzen, aber reichen dokumentarischen Schaffen gilt ein von Gudrun Sommer mitgestaltetes Dossier.

Eine Reihe von Texten widmet sich – ursprünglich gar nicht so beabsichtigt – der Frage nach dem Verhältnis, das der Film zur Geschichte unterhält. Damit es ja nicht wie ein Schwerpunkt aussieht, haben wir sie über das Heft verteilt: Dem Dokumentarfilmemacher und Aktivisten Joris Ivens, dessen Werk im Dienste der Sozialistischen Revolution einen Bogen von der Stummfilmzeit bis in die 1980er Jahre spannt, haben wir ein Dossier gewidmet, in dem gleich mehrere Generationen zu Wort kommen. Im „Österreichischen Kino“ denkt Siegfried Mattl über Michael Hanekes Historienfilm Das weiße Band nach; Drehli Robnik in einem kleinen Dossier zur „Kunst der Verbeugung“, das er sich mit Jan Verwoert teilt, über Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Tarantinos cinephile Einlassungen und seine Ein- und Umfaltungen von Geschichte passen, wie wir finden, ganz gut zu Verwoerts Vorschlag, den Akt der künstlerisch intellektuellen Bezugnahme als Reverenz, das heißt als zugleich existenziell und affektiv besetztes Sich-Einlassen auf eine Idee oder eine Sache zu modellieren.

Und sonst? Wenn Jessica Hausners Lourdes zwischen den Polen von Glauben und Skepsis balanciert, könnte man dasselbe auch von Katharina Mücksteins subjektiver Sichtweise auf die Situation der heimischen Filmausbildung sagen; ergänzt wird dies durch Rimini, eine aktuelle Produktion der Filmhochschule. Längst fällig war eine Würdigung des außergewöhnlichen Dokumentarfilmschaffens von Rainer Frimmel und Tizza Covi; und das Vermischte wird dieses Mal seinem Namen nur allzu gerecht: Der neue Film von Hong Sang-soo trifft auf den amerikanischen Avantgardisten Jack Smith und die derzeit im Kino mit Leidenschaft wiederentdeckte technische Spielwiese 3D. Wir wünschen viel Vergnügen.

Unser nächstes Heft erscheint im März 2010.

Die Redaktion - Wien, Oktober 2009

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