Sonderheft 13, März 2010

Es wäre nicht zu vermessen, 2009 nachträglich als das Jahr von Werner Herzog zu bezeichnen. Mit Bad Lieutenant und My Son, My Son What Have You Done schaffte es Herzog gleich mit zwei Filmen in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. Ein kräftiges Lebenszeichen eines unermüdlichen Grenzgängers, der seit einigen Jahren in Los Angeles lebt und dort seit Kurzem auch eine eigene "Rogue Film School" betreibt. Welches Bezugsfeld hat Herzog in den USA gefunden? Was treibt ihn an? Und kann Herzog das US-amerikanische Independent-Kino vielleicht sogar im Alleingang retten? Fragen, die der Filmkritiker Peter Keough für uns – aus amerikanischer Perspektive – beantwortet hat.
Gerhild Steinbuch dagegen hat sich in einem weiteren Beitrag des Dossiers die neueren Dokumentarfilme von Herzog angesehen, wobei sie die immer wieder überraschende Direktheit seiner Herangehensweise thematisiert; in einem weiteren Text widmet sich Christoph Huber dem Frühwerk des Regisseurs, das bereits über alle Kennzeichen einer "ekstatischen Wahrheitssuche" verfügt und auch auf DVD erhältlich ist.

Herzog ist aber nicht der Einzige, der mit der Kamera "am Ende der Welt" unterwegs ist. Dieses Ende als Grenze der Zivilisation ist nämlich nicht nur in der Ferne, sondern auch in der Tiefe zu finden: in der mythologisch-fantastischen des Meeres. Peter Nau eröffnet unser entsprechendes Dossier mit der Bemerkung, dass die menschliche Faszination für das Meer mit einer Rückkehr zum Ursprung zusammenhänge. Ist der Mensch ein Tier, das sein Meer in sich trägt? Die ungebrochene Faszination, die die aquatische Tradition des Kinos auszeichnet, kann man jedenfalls in den Filmen des französischen Meeresbiologen, Surrealisten und Filmemachers Jean Painlevé wieder finden, der sich in seinen Unterwasserfilmen nicht auf die Rolle des Wissenschafters beschränkte, sondern, wie Brigitte Berg ausführt, "als Sprachrohr für die Wesen fungierte, die er filmte. Painlevé ist das Tier." Eine andere Form der Aufklärung bieten jene Erkundungsfahrten, mit denen der Mensch vor allem als Soldat der Neuzeit die Tiefe erkundet: Ein Streifzug durch das submarine Subgenre des U-Boot-Films ergänzt unser Dossier ebenso wie eine Sammlung individueller Tauchgänge.

Dass die Arbeiten Painlevés auch experimenteller Natur sind, mag zugleich als Indiz für dessen künstlerische Offenheit wie auch für die Dehnbarkeit des Begriffs "experimentell" gelten. Bei dieser Dehnbarkeit (oder Überstrapazierung) hakt das Dossier Was heißt hier Experiment ein, welches aus vier Einzelbeiträgen besteht, die zusammen eine vielstimmige Auseinandersetzung rund um entsprechende Praktiken des Filmemachens und Filmezeigens ergeben. Lars Henrik Gass plädiert zunächst energisch für eine Schärfung des Begriffs Experimentalfilm, der als "erstaunlich lebensfähig" erscheint, "weil er vollkommen unspezifisch" ist. Ben Russell berichtet über seine Arbeit als Künstler, der Film verwendet, und sich dabei nicht unbedingt auf den Kontext der Kinoavantgarde beschränken mag. Judith Fischer stellt das Cinéma brut vor, welches Gabriele Jutz in ihrem gleichnamigen Buch dem Kanon der klassischen Filmavantgarde (und deren Rezeption) gegenüber setzt. Madeleine Bernstorff schließlich spricht über ihre kuratorische Arbeit, die Genre-Grenzen überschreitet und Ambivalenzen auslotet. Bruce LaBruce hat sich Harmony Korines jüngsten Film Trash Humpers angesehen und Bert Rebhandl stellt den rumänischen Filmemacher Korneliu Porumboiu vor.

Ein weiteres Werkporträt gilt dem österreichischen Dokumentaristen Peter Schreiner, besprochen werden aktuelle Arbeiten von Klub Zwei, Angela Summereder und Heidrun Holzfeind sowie die beiden Spielfilme Der Kameramörder und Der Räuber. Geschichtsträchtiges und Philosophisches in Buch und auf Scheibe beschließt Nummer 13 der kolik.film.

Unser nächstes Heft erscheint im Oktober 2010.

Die Redaktion - Wien, März 2010


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