Sonderheft 16, Oktober 2011

Die belgische Filmemacherin Chantal Akerman präsentierte auf dem Filmfestival in Venedig endlich wieder einen neuen Spielfilm: eine außergewöhnliche, freie und zugleich sehr charakteristische Auseinandersetzung mit Joseph Conrads Debütroman, La folie Almayer, der wir einen eigenen Essay widmen. Außerdem nahmen wir dies sowie eine Viennale-Werkschau zum Anlass für einen Rundruf unter Filmschaffenden zur Frage Why Akerman Now? – sechs persönliche Würdigungen haben uns erreicht.

Zwei andere Arbeiten haben seit ihrer Premiere in Cannes für eine intensivierte Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Situation von Filmemachern im Iran gesorgt: Der verurteilte Regisseur Jafar Panahi behandelt (und unterläuft) in In film nist sein Berufsverbot; sein von demselben Urteil betroffener Kollege Mohammed Rasoulof erzählt in Bé omid é didar von einer Frau, die das Land zu verlassen versucht. Wir haben Stefan Grissemann und Robert Weixlbaumer gebeten, sich die Filme anzuschauen. Letzterer steuert außerdem ein Interview mit Abbas Kiarostami bei, in dem es auch um politische Agenden als Filmschaffender geht. Amir Farzanefar liefert in seinem Essay wiederum eine Ergänzung zu diesen auf westlichen Festivals präsenten Filmautoren, indem er sich mit dem Mainstream- und Untergrund-Kino innerhalb des Iran beschäftigt. Zum Abschluss dieses Dossiers stellt Gunnar Landsgesell die dokumentarischen Kurzfilme von Kamran Shirdel aus den 1960er-Jahren vor.

Für den Österreich-Teil hat Alejandro Bachmann ein Werkporträt der jungen Filmemacherin Judith Zdesar verfasst; besprochen werden weiters Markus Schleinzers Spielfilmdebüt Michael, drei nagelneue Dokumentarfilme von Ruth Beckermann, Joerg Burger und Michael Palm sowie Michael Glawoggers Whores’ Glory, und zwar gleich zweimal, da der Film Publikum wie Kritik gespalten hat.

Auch wenn die kolik beharrlich old school als Printmagazin erscheint: Das Schreiben und der Austausch über Filme haben sich seit der Jahrtausendwende rasant ins Internet ausgebreitet. Dies hat das gedruckte Wort und den projizierten Film ein Stück weit ersetzt und – nicht zuletzt über interaktive Angebote und portable Hardware – noch einmal eigene Formen der Auseinandersetzung ausgebildet. Mit Paul Brunick unternehmen wir eine kleine kulturoptimistische Bestandsaufnahme jener Potenziale, die die Filmpublizistik über das Internet und die „Revolution der Pro-Ams“ bereits anzapft oder die ihr noch zur Verfügung stehen werden. Weiters haben wir eine Reihe von aktiven und passiven NutzerInnen von Film-Blogs um Auskunft darüber gebeten, ob sie darin einen Fort- oder Rückschritt erkennen, wie das Bloggen ihr Schreiben beeinflusst hat, worin sie die Funktion ihres Blogs sehen oder warum sie heute schon wieder nicht gepostet haben. David Hudson, der mit seinen täglichen Briefings und Nachrichten auf der Internetplattform Mubi einen der wichtigsten cinephilen Informationsverteilerknoten im Netz betreibt, hat ebenfalls auf unsere Fragen geantwortet: Er erzählt wie aus einem filmverrückten texanischen Teenager ein Medienjunkie und Blogger wurde, wie sein typischer Arbeitstag als solcher aussieht und mit welchen Hilfsmitteln er die Illusion von Allgegenwärtigkeit aufrecht erhält.

Der serbische Regisseur Dusan Makavejev zeigt und sieht Filme nach wie vor am liebsten im Kino – Petra Popovic hat ihn bei seinem Besuch im Österreichischen Filmmuseum getroffen. Silvia Hallensleben resümiert die Reihe Performing Documentary im Arsenal-Kino, Nicole Hess erinnert an eine vergessene Proponentin des britischen Nachkriegsdokumentarfilms und Gerhild Steinbuch reflektiert ihre Eindrücke zu Terrence Malicks The Tree of Life. Stefan Grissemann gedenkt der sterbenden US-Filmavantgarde und Jörg Becker würdigt den Filmkritiker und -historiker Peter Nau. Sven von Reden stellt das Kölner DVD-Label Bildstörung vor, rezensiert werden außerdem DVDs von Pietro Germi und John Smith sowie gesammelte Kritiken des US-Filmjournalisten David Kehr.

In eigener Sache bleibt zu vermelden, dass Michael Loebenstein künftig im fernen Canberra/Australien leben und arbeiten wird, womit die kolik.film einen pacific editor gewinnt.

Unser nächstes Heft erscheint im März 2012.

Die Redaktion - Wien, Oktober 2011


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