Sonderheft 18, Oktober 2012

Miguel Gomes’ Tabu, der im Februar bei den Berlinale seine Premiere feierte, zählt zu den außerordentlichsten Filmproduktionen des Jahres 2012. Ein Grund, sich näher mit der Arbeit und den filmischen Konzepten des portugiesischen Filmemachers auseinanderzusetzen. Tabu verbindet auf so intelligente, humorvolle wie melancholische Weise die Geschichte(n) des Kinos mit der Kolonialgeschichte Portugals: Augusto M. Seabra beleuchtet den originellen Zugriff Gomes’ auf die jüngere portugiesische Vergangenheit, während Robert Weixlbaumer und Alejandro Bachmann zwei Lektüren des Films (und seiner Vorbilder) vornehmen und dabei auch dessen ungewöhnliche Bauart – etwa seine zweiteilige Struktur – ins Visier nehmen. Die Überlegung, dass die vielfältigen Kontrollmechanismen zeitgenössischer Informationsgesellschaften nicht allein Gegenstand, sondern auch Instrument kultureller Produktion sind, steht im Mittelpunkt des Dossiers zum Stichwort Kontrolle. Der Vorstellung vom Künstlersubjekt als allmächtigem Formgeber und „Kontrollfreak“, die Joachim Schätz in der Kunsttheorie des Spätmodernismus verortet, wollen allerdings weder Choreografin Christine Gaigg, noch Kameramann Wolfgang Thaler so recht entsprechen: Wie viel Kontrolle im Einzelfall nötig ist, hängt von konzeptuellen Entscheidungen ab, die der praktischen Arbeit je schon vorausgehen. Fragen der Kontrolle spielen auch eine Rolle, wenn Filmemacher Gegenstand eines Filmporträts werden – zumal wenn diese Peter Kubelka und Peter Kern heißen. Bert Rebhandl hat die zwei entsprechenden „Künstlerporträts zu Lebzeiten“ einer vergleichenden Betrachtung unterzogen. Monika Bernold bedient sich in ihrem Essay der (Denk-)Figur des Zombies, um über Autorschaft nachzudenken. Jan Verwoert benennt Witz und Rätsel als „Matrix der Porträtkunst“, und Peter Nau erinnert an ein Elias-Canetti-Porträt. Ein Gespräch von Petra Popovic mit dem Filmemacher Michael Synek über seine kürzlich wiederentdeckte Boris-Vian-Adaption Die toten Fische eröffnet den Österreich-Teil. Weiters beschäftigen wir uns mit Michael Hanekes Liebe und Ulrich Seidls Paradies-Trilogie, Der Glanz des Tages von Tizza Covi und Rainer Frimmel sowie Florian Flickers Grenzgänger und zeitgenössischen österreichischen Kurzfilmen über das Teenagerdasein. Ein anschaulicher Rundgang durch Werke der deutschen Filmemacherin Angelika Levi, Überlegungen zur filmischen Form des Prequels und eine Auseinandersetzung mit Terrence Malicks jüngstem Film To the Wonder sowie Rezensionen beschließen dieses Heft und Jahrgang neun der kolik.film.

Unser nächstes Heft erscheint im März 2013.

Die Redaktion - Wien, Oktober 2012


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