Sonderheft 23, März 2015

„Als ich gemerkt habe, dass ich keine Ahnung von Filmproduktion hatte, war es zu spät: Ich war schon mittendrin und musste weitermachen.“ Der portugiesische Produzent Luís Urbano beweist einen eher unkonventionellen Zugang zu seiner Arbeit: Mit seiner Produktionsfirma O Som e a Fúria ermöglicht er seit knapp zehn Jahren nicht nur die internationalen Festivalerfolge von Miguel Gomes, sondern auch Arbeiten von Einzelkämpfern wie etwa Manuel Mozos. Gehört das Bild des Filmproduzenten als ausschließlich im Hintergrund seine eigenen Interessen verfolgender Finanzjongleur auch längst der Vergangenheit an, so bleibt sein kreatives Potenzial nach wie vor oft unbemerkt. Für unser Dossier zum Thema haben wir eine Produzentin und zwei Produzenten befragt beziehungsweise mit Porträts bedacht, um Möglichkeiten, aber auch Grenzen avancierter Filmproduktion aufzuzeigen. Neben dem von Robert Weixlbaumer geführten Interview mit Urbano, der derzeit mit Gomes an einer Neudeutung der Scheherazade arbeitet, erwartet Sie ein ebenso langes Gespräch von Isabella Reicher mit dem spanischen Produzenten Lluís Miñarro, der vergangenes Jahr mit Stella cadente sein Regiedebüt präsentierte – und zugleich seine renommierte Produktionsfirma Eddie Saeta aufgeben musste. Über die Rolle von Frauen in der von Männern dominierten Produktionslandschaft berichtet Gerhard Midding am Beispiel der französischen Produzentin Sylvie Pialat, die eine eigene Autorenpolitik verfolgt und bisher mehr als 20 Langfilme mit Regisseuren wie Alain Guiraudie, Julie Gavras, Lisandro Alonso und Abderrahmane Sissako realisierte.

In unserem zweiten Dossier finden sich drei Texte, die sich in unterschiedlicher Weise dem Filmschaffen Algeriens widmen. Die Filmhistorikerin Viktoria Metschl hat eine „kleine Anthologie vergessener Träume und Hoffnungen“ des algerischen Filmschaffens verfasst und zeigt auf, wie eine „unsichtbare“ Geschichte mit jener von Politik und Kolonialismus in Zusammenhang steht. Der algerischstämmige Filmemacher und Autor Rabah Ameur-Zaïmeche hat soeben mit Histoire de Judas einen außergewöhnlichen Bibelfilm präsentiert, der, wie Cristina Nord befindet, „mit großer Unbekümmertheit die Fundamentalismen und Refundamentalisierungen der Gegenwart hinter sich lässt“. Und Madeleine Bernstorff porträtiert den 1928 in der Bretagne geborenen Dokumentarfilmer René Vautier, der mit seinen sozialkritischen Arbeiten wiederholt das französische Kolonialsystem in Nordafrika anklagte. Vautier starb im Januar dieses Jahres.

Österreichische Produktionen und filmisch Werktätige, die wir diesmal vorstellen, sind die Arbeiten von Sebastian Brameshuber und Sasha Pirker sowie neue Filme von Peter Kern und Mara Mattuschka. Dass die sogenannten Brenner-Filme, in denen Josef Hader heimischen Zuständen ausgeliefert ist und sie mitverursacht, mittlerweile auf vier Ausgaben angewachsen sind, hat Drehli Robnik dazu ermuntert, die Überlegungen der Filmtheoretikerin Linda Williams zu Genre und Exzess bei seinen Überlegungen zur Sache zurate zu ziehen.

Weiters finden sich im Heft eine Begegnung mit Edith Flusser, Beiträge über Radu Judes außergewöhnlichen „Western“ Aferim! und über Paul Thomas Andersons Inherent Vice, sechs Szenen für eine Sammlung filmischer Ausdrücke von Jörg Becker und eine Analyse der filmkritischen Rezeption von Terrence Malicks Knight of Cups. Peter Nau hat sechs Miniaturen mit dem schönen Titel Hilferufe, wenn niemand ruft für uns zusammengestellt.

Für El extraño caso de Angélica (The Strange Case of Angelíca) arbeitete vor wenigen Jahren Lluís Miñarro noch mit ihm zusammen; für seinen vergangenes Jahr entstandenen Kurzfilm O velho do restelo (The Old Man of Belém) war es Luís Urbano. Am 2. April starb mit Manoel de Oliveira der älteste aktive Filmemacher der Welt. Wir verabschieden uns mit vier Grüßen.

Unser nächstes Heft erscheint im Oktober 2015.

Die Redaktion - Wien, März 2015


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